Rezension zu 'Der Kanun'

 

Michael Schmidt-Neke: Rezension zu "Der Kanun".

In: Vorstand der Deutsch-Albanischen Freundschaftsgesellschaft e. V. (Hrsg.): Albanische Hefte.
Zeitschrift für Berichte, Analysen, Meinungen aus & über Albanien. Heft 4/2014, Bochum 2014, S. 23.

Robert Elsie (Hrsg.): Der Kanun. Das albanische Gewohnheitsrecht nach dem sogenannten Kanun des Lekë Dukag jini.
Berlin 2014. Paperback 272 S.
ISBN: 978-3942437-33-2

Diese neue Ausgabe des albanischen Gewohnheitsrecht nach dem Kanun des Lekë Dukagjini (KLD), deren Erstausgabe 2001 im kosovarischen Peja verlegt wurde, wird vom Herausgeber mit einem Vorwort zu den Grundlagen und zur Intention des Buches eingeleitet, das ein besseres Verständnis der traditionellen albanischen Kultur fördern soll. Im darauffolgenden Beitrag greift Michael Schmidt-Neke vorerst die gängige Presseberichterstattung zur Blutrache auf, um danach das albanische Gewohnheitsrecht als umfassendes Rechtssystem – welches weder weltlichem noch religiösem Recht folgte – darzulegen. Er erläutert den Begriff, die Varianten und den geschichtlichen Werdegang des Kanun. Die zuvor mündlich tradierten Gewohnheiten wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts gesammelt, verschriftlicht und im Mantel einer Kodifikation als KLD auf Albanisch publiziert. Im Verlaufe der Zeit folgten Übersetzungen in andere Sprachen. Auch veranschaulicht Schmidt-Neke die gesellschaftlichen Institutionen und die Rechtszweige des KLD, sowie das Phänomen der Blutrache, dem besondere Aufmerksamkeit zuteil wird. Diesbezüglich zeigt er mögliche Auswege auf, um der daraus resultierenden Gewaltspirale zu entrinnen. Zuletzt findet sich die deutsche Übersetzung des KLD mit Randbemerkungen der Übersetzerin Marie Amelie Freiin von Godin und von Shtjefën Gjeçovi, der dieses Gewohnheitsrecht gesammelt hat.

Auf dem Buchdeckel sticht dem Leser das zum Thema passende Bild eines bewaffneten Mannes, der einen Falken auf der Hand hält, ins Auge. Dabei ist fraglich, ob eine andere Tracht – so etwa ein Tirq – aussagekräftiger gewesen wäre für die Gebiete, wo der KLD gesammelt wurde. Davon abgesehen, lässt sich jedoch die Symbolik leicht verknüpfen mit der Materie des KLD, welche bündig und kompakt im Vorwort beschrieben wird. Hier ist der Hinweis wichtig, dass die vorliegende Übersetzung eine veraltete Sprache aufweist, die dem heutigen Leser Mühe bereiten und ihm volle Aufmerksamkeit und Mitdenken abverlangen dürfte. Im nachfolgenden Überblick über den Hintergrund des albanischen Gewohnheitsrechtes wird demjenigen, der dieses Recht gesammelt bzw. teilweise publiziert hat, richtigerweise eine herausragende Stellung eingeräumt. Elementare Bedeutung scheint mir hier jedoch die Umschreibung und Darlegung der verschiedenen Gewohnheiten zu haben. Durch deren Veränderung in einem
mehrdimensionalen Prozess mutierte die Blutrache zu einem degenerierten Prinzip, woraus Gewaltexzesse resultieren. Dass mögliche Auswege aus dieser Gewalt angegeben werden, belegt die fundierte Auseinandersetzung des Autors mit dem Thema. Leider fehlt aber für die zweite Auflage eine Aktualisierung und Erweiterung des Aufsatzes. Meines Erachtens müssten aktuelle Aspekte und allfällige Entwicklungen darin erwähnt werden. Bedauerlich ist zudem, dass der Leser mit der Übersetzung des KLD weitestgehend alleine gelassen wird; hier wären detaillierte Kommentare wünschenswert und hilfreich.

Offen bleibt indes, wer solche Werke liest. Meine Befürchtung geht dahin, dass sich die Nachfrage bei deutschsprachigen Lesern in Grenzen hält. Diejenigen – seien es ethnische Albaner oder nicht – denen der Begriff Kanun geläufig ist, verknüpfen dessen Thematik mit einem romantischen Identitätsbild und sehen darin etwa die erste albanische Verfassung oder gar die Gleichwertigkeit mit dem Codex Hammurabi. Jedoch bestehen dazu auch divergierende Meinungen, wonach diese rückständigen Gewohnheiten abgeschafft werden müssen. Unabhängig von solchen Überlegungen kann ich die Lektüre des Werkes nur empfehlen, denn es lädt ein zur Selbstfindung, zur Befriedigung der Wissbegierde oder eben zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung.

Zusammenfassend sehe ich darin ein bisher einzigartiges Grundlagenwerk, das einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des Themas leistet.

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